Eine Goldgrube für Eltern – Philippa Perrys Erziehungstipps

0
Philippa Perry

Das gerade auf Englisch erschienene Buch The Book You Wish Your Parents Had Read (and Your Children Will be Glad That You Did) von Philippa Perry ist eine wahre Goldgrube für Eltern. Ihre wichtigste Aussage trifft direkt ins Herz: Jeder macht Fehler. Und es ist nie zu spät, sich dafür zu entschuldigen. Selbst im hohen Alter, wenn die Kinder längst erwachsen sind, kann man also Vergangenes im Nachhinein richten.

Ein Kind braucht Wärme, Akzeptanz, körperliche Berührung, Anwesenheit von Bezugspersonen, Liebe, Grenzen, Verständnis, beruhigende Erfahrungen und ganz viel Aufmerksamkeit. Das ist nichts Neues. Doch Perry befasst sich damit, was uns manchmal davon abhält, diese essenziellen Dinge auch zu geben: Abwehrmechanismen, die unsere Gefühle blockieren, mangelndes Selbstvertrauen oder die Angst, von unseren Gefühlen überwältigt zu werden.

Sie betont, dass die Erinnerung an die eigene Kindheit für die meisten von uns schmerzvoll sein wird, weil wir auch eine oben beschriebene Erziehung nicht genossen haben. Und dennoch müssen wir uns damit auseinandersetzen, damit wir den Kreislauf durchbrechen können.

Das Erbe unserer Eltern

Oft sind unsere Reaktionen als Eltern mit Situationen aus unserer Kindheit eng verknüpft. Ein Beispiel aus dem Buch illustriert das sehr deutlich:

Die sechsjährige Tochter klettert auf ein Klettergerüst, traut sich nicht mehr herunter und bittet ihre Mutter um Hilfe. Diese schreit sie an: „Du kommst jetzt sofort da runter!“ Die Mutter, selbst erschrocken über ihr Verhalten, entschuldigt sich später für ihr Verhalten und erklärt ihrer Tochter, dass sie als Kind überbehütet worden war und sie nicht möchte, dass ihre Tochter genauso wenig Selbstbewusstsein entwickelt wie sie selbst.

Eine Sache steht also fest: Kinder werden Dich an Deine Kindheit erinnern, sie werden wunde Punkte in Dir triggern. Es ist Deine Aufgabe, Deine Reaktionen zu analysieren. Sonst gibt Du das an Dein Kind weiter, was Dir selber widerfahren ist. Stattdessen sollten wir spüren, was wir fühlen, darüber nachdenken, anstatt auf Gefühle, die wir nicht verstehen, zu reagieren. Gehe also in solchen Situationen in Dich und frage Dich, woher diese emotionale Reaktion kommt. Du hast gelernt, Dich auf diese Art gegen das zu wehren, was Du selbst als Kind gefühlt hast. Das Verhalten Deines Kindes triggert bei Dir die Gefühle, die Du als Kind hattest (z. B. Einsamkeit, Neid, Bedürftigkeit etc.) und Deine antrainierte Abwehr dagegen.

Das Umfeld Deines Kindes

Für Perry ist nicht die Familienstruktur an sich wichtig, sondern dass die einzelnen Personen dieser Familie gut miteinander umgehen. Als Vorbild nennt sie die Streitkultur, die zu Hause gepflegt wird. Ein Beispieldialog:
A: Wenn Du den Abwasch erst später erledigst, bilden sich Krusten, die nur noch schwer abzubekommen sind.
B: Es ist für mich einfach sinnvoller, alles auf einmal einzuräumen. Das spart Zeit. Also mache ich das heute Abend.
A: Aber es ist unhygienisch, dreckiges Geschirr stehen zu lassen.
B: Heißes Wasser tötet doch die Bakterien ab.

Perry nennt Dialoge wie diese „Faktentennis“. Fakten werden hin- und hergeschleudert und führen nirgendwo hin. Stattdessen ist es sinnvoller, über die eigenen Gefühle statt über Fakten zu sprechen. Voraussetzung ist, dass sich auch der andere auf Deine Gefühle einlassen kann.

A: Ich bin einfach genervt, wenn ich abends nach Hause komme und Abwasch dasteht, weil ich morgens ja schon gespült habe. Es würde mir wirklich besser gehen, wenn Du tagsüber spülen könntest.
B: Sorry, das war mir nicht klar. Ich möchte natürlich nicht, dass Du dich genervt fühlst. Aber ich habe gerade so viel zu tun, ich komme nicht dazu.
A: Das verstehe ich. Komm‘, wir machen das jetzt schnell zusammen.

Solche Dialoge zu führen ist schwer. Doch es lohnt sich, das zu üben. Denn Deine Kinder werden sich einen solchen respektvollen Umgang mit anderen dann auch aneignen. Wichtig ist zu verstehen, wie sich die andere Person fühlt und so Mitgefühl zu entwickeln, auch wenn man die Dinge anders sieht.

Gefühle

Und so kommen wir zum Kernpunkt von Perrys Ansatz: Gefühle. Wenn wir die Gefühle von Kindern annehmen und nicht abweisen, wenn sie sich verstanden und getröstet fühlen, und das immer wieder, entwickeln sie eine Resilienz, die ihnen später im Leben sehr helfen wird. Denn die häufigste Ursache für Depressionen ist fehlendes oder nicht ausgedrücktes Mitgefühl der Eltern. In der Kindheit hat man dann nicht gelernt, sich selbst zu trösten.

Indem Du Verständnis für Dein Kind ausdrückst, eröffnest Du einen Dialog, mit dem Du der Ursache auf den Grund gehen kannst. Meistens reicht das ausgedrückte Verständnis schon aus. Wenn wir hingegen Kinder in solchen schwierigen Situationen zurechtweisen, geben wir ihnen zwei Gründe zum Weinen: den ursprünglichen Grund und die Tatsache, dass sie die Eltern wütend gemacht haben.

Perry plädiert für eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kindern, z. B. indem gemeinsam eine Lösung für das Problem gefunden wird.

  1. Problem definieren: Ich hätte gerne, dass du dein Zimmer aufräumst.
  2. Gefühle herausfinden: Denkst du, dass das unfair ist, weil Deine Freundin das Chaos verursacht hat?
  3. Gefühle respektieren: Ich verstehe, dass du das unfair findest.
  4. Gemeinsam eine Lösung finden: Aber dennoch möchte ich gerne, dass du dein Zimmer aufräumst. Wie möchtest du das machen?

So entwickeln Kinder die essenziellen Fähigkeiten für soziales Verhalten: Frustrationstoleranz, Flexibilität, Problemlösungsfertigkeiten und Empathie. Gleiches hilft bei Wutanfällen. Das bedeutet natürlich nicht, dass du alles erlauben solltest, sondern lediglich, dass Du die Gefühle deines Kindes wahrnimmst und respektierst.

Wie also Grenzen ziehen? Indem Du z. B. erzählst, wie es Dir geht. Wenn Du also nicht länger auf dem Spielplatz bleiben möchtest, weil Dir kalt und langweilig ist, dann teile es Deinem Kind so mit, anstatt zu sagen, dass es einfach Zeit ist zu gehen. Wenn das Kind es gewohnt ist, dass auf seine Gefühle eingegangen wird, wird es auch leichter auf Deine eingehen können und es verstehen.

Tipps für häufige Probleme

Perry spricht einige Probleme an, die Eltern in den Wahnsinn treiben können. Ein Beispiel ist das Schlafengehen:

Perry lässt sich bei diesem Thema von Professor Narvaez‘ „Sleep nudging“ inspirieren, das sie für Kinder ab 6 Monaten entwickelt hat:

Babys wissen nicht, dass Dinge, die sie nicht mehr sehen, noch da sind. Wenn Eltern also aus dem Kinderzimmer gehen, ist das ein schlimmer Abschied. Folgende Methode hat Perry selbst bei ihrer Tochter angewandt:

  1. Beobachte, wo sich Dein Kind sicher fühlt und einschläft.
  2. Was ist der erste kleine Schritt weg davon? Z. B. nicht mehr in Deinen Armen einschlafen, sondern direkt neben Dir.
  3. Der nächste Schritt könnte sein, das Babybett direkt neben Dich zu stellen und das Kind dort hineinzulegen.
  4. Dann vielleicht das Babybett ins Babyzimmer zu stellen, aber so lange im Raum zu bleiben, bis Dein Kind eingeschlafen ist.
  5. Usw.

Bei all diesen Schritten ist wichtig, sie so oft zu wiederholen, dass sie Routine werden. Dieser Prozess wird lange dauern, aber er geschieht in Absprache zwischen Dir und dem Kind. Es wird Schlafengehen als etwas Positives assoziieren.

Fazit

Perry nimmt uns in vielerlei Hinsicht die Angst, Dinge falsch zu machen:

  • indem sie aufzeigt, dass man sich immer für falsches Verhalten entschuldigen kann.
  • indem sie uns die Angst nimmt, dass Kinder zu einer bestimmten Zeit dies und jedes können müssen.
  • indem sie noch einmal darauf hinweist, dass wir uns mit unserem Kind im Hier und Jetzt befinden und dass es um Lösungen im Hier und Jetzt geht. Mit anderen Worten, will Dein Kind nur auf dem Boden sitzend essen, dann ist das einfach im Moment so. Das bedeutet nicht, dass es das mit 24 Jahren auch noch tun wird.
  • indem sie betont, dass Kinder sich nicht absichtlich danebenbenehmen. Sie wissen sich einfach nicht anders zu helfen.
  • indem sie betont, dass man gerade die anstrengende Anfangszeit als Investition in die Zukunft sehen sollte.

Erfrischend ist auch ihr relationaler Ansatz. Es geht nicht darum, dass das Kind irgendetwas können oder tun muss. Es geht darum, eine enge Beziehung aufzubauen, die das Kind in seinem weiteren Leben auch mit anderen so ausleben wird. Das Buch ist momentan nur in englischer Sprache erhältlich, wird aber sicherlich bald auch auf Deutsch erscheinen. Es ist wärmstens zu empfehlen – Eltern, aber auch allen anderen, die selbst mal Kinder waren!

Gefühle wahrnehmen und sich nicht von ihnen übermannen lassen ist nicht leicht. Bei livinflow findest Du Meditationen und Coachings, die Dir dabei helfen werden. Mit unseren Yoga- und Sportübungen kommst Du leichter ins seelische Gleichgewicht, womit Dir auch die Vogelperspektive leichter gelingt. Schau hier vorbei, um mehr zu erfahren.

Buchtipp:
Philippa Perry: The Book You Wish Your Parents Had Read (and Your Children Will be Glad That You Did). Penguin, 2019.
(Bislang nur auf Englisch erschienen. Das Publikationsdatum für die deutsche Version steht noch nicht fest.)

Weitere Bücher von Philippa Perry:

Wie man den Verstand behält – Kleine Philosophie der Lebenskunst. Kailash, 2012. (Ins Deutsche übersetzt von Karin Schuler.)

Couch Fiction: Wie eine Psychotherapie funktioniert. Kunstmann, 2011. (Mit Illustrationen von Junko Graat, ins Deutsche übersetzt von Ulrike Becker.)

Kommentieren Sie den Artikel

Geben Sie bitte Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein